Die Weisheit des Unbewußten

Über die tiefenpsychologische Interpretation des Märchens „Meerhäschen" (KHM191)—

                                                                                       Yukinobu ÜMENAI

l. Kaninchen (sächs. Mierhäsken) oder Meerhäschen (lat. Apiysia kurodai)?

Die Anzahl der Märchen in der Grimmschen Sammlung „Kinderund Hausmärchen" (l. Bd. 1812; 2. Bd. 1815) wurde von 156 in der ersten bis zu 200 in der letzten siebten Ausgabe vermehrt. Bei diesem Prozeß wurden einerseits mehrere eliminiert und andererseits manche Märchen hinzugefügt oder verbessert. In der fünften Ausgabe (1843) wurden die meisten Märchen, nämlich 16 zugesetzt. Gleichzeitig kam das Märchen „Der Räuber und seine Söhne" als das 191. dazu, das auch in der sechsten Ausgabe übernommen wurde. Aber das Märchen wurde in der letzten siebten Ausgabe (1857) gegen „Meerhäschen" ausgewechselt. Über die Auswechslung kommentiert Heinz Rölleke folgendes: „Am 29.4.1857 schreibt Wilhelm Grimm an Josef Haltrich in Rumänien, KHM 191 in den Ausgaben von 1843 und 1850 erinnere zu stark an den Polyphen-Mythos und sollte daher als nicht typisch deutsch eliminiert werden; um die Lücke zu füllen, bittet er Haltrich um Erlaubnis, dessen Sammlung Deutsche Volksmärchen aus dem Sachsenlande in Siebenbürgen (1856) benutzen zu dürfen, und entnimmt daraufhin dessen Nr. 38 » Von der Königstochter, die aus ihrem Schlosse alles in ihrem Reich sah«".

Allerdings muß man das > Meerhäschen < doch nicht als >Kaninchen<, sondern als >lat. Apiysia kurodai < interpretieren, wenn man die Szene, wo das Meerhäschen unter den Zopf der Königstochter kriecht, und die Verwandlung des Jünglings in ein kleines Meerhäschen in der Quelle genau berücksichtigt. Als etwas, was unter dem Zopf der Königstochter versteckt bleibt und

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von ihr gar nicht bemerkt wird, müßte ein kleines Meerhäschen angemessener sein, als ein Kaninchen, das relativ groß ist. Darüber hinaus wäre es doch sehr unnatürlich, dass viele Leute zusammenlaufen, um ein gewöhnliches und einfaches Kaninchen anzusehen und die Königstochter dem Tierhändler viel Geld dafür gibt. Schließlich kann man hier auf die entscheidende Tatsache hinweisen, dass das Wort > Meerhase < in der Zeit der Brüder Grimm zumindest den damaligen gebildeten Leuten schon genug bekannt war, obwohl es das Tierchen in Europa fast nicht gibt. Zur Zeit der deutschen Romantik hat nämlich der beliebte Schriftsteller Jean Paul (1763-1825) in seinem Roman „Flegeljahre" (1804-05) das 28. Kapitel mit dem Wort >Meerhase< bezeichnet. und es wäre doch undenkbar, dass der energische und fleißige Philologe J.Grimm den Roman nicht gelesen hätte.

2. Die Skala der Weisheit

Die Königstochter hat einen Saal mit zwölf Fenstern. Und sie kann von dem zwölften Fenster alles, „ was über und unter der Erde war" sehen. Symbolisch kann man > Fenster < als >Bewußtsein< bzw. >Seele oder das Auge als Ein- und Ausgang zum Geist < interpretieren. Die Zahl 12 wird im allgemeinen als >Zusammenhänge und Ordnung des Kosmos< angesehen, wie z.B. 12 Gestirne im Sternkreis, 12 Monate im Jahr, 12 Richtungen auf dem Kreiselkompaß, 12 Zahlen auf dem Zifferblatt usw. In diesem Sinne dürfte man wohl die 12 Fenster als eine zwölfstufige Skala der Weisheit interpretieren. Daher ist die Königstochter, die von den 12 Fenstern frei sehen kann, gleichzeitig in allen Sachen des Bewußtsems durchaus bewandert. Aus diesem Grund versteht man gut, dass sie sehr stolz ist und sich niemandem unterwerfen will. Aber ein solcher Mensch, der sich viel auf die Verstandeskraft oder Allwissenheit einbildet, kann manchmal >die Weisheit des Unwissenden < des großen griechischen Philosophen Sokrates gar nicht verstehen. Solche Verstandeskraft ist deshalb zweifellos mangelhaft.

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Nun wollen drei Brüder ihr Glück versuchen. Die Zahl 3 tritt oft im Märchen auf und bedeutet nicht nur >die Vollendung und Erfüllung<, sondern auch > die Auflösung der dualistischen Gegensätze<. Es gelingt nur dem dritten Jüngling, die Probe zu bestehen. Der Rabe und der Fisch, die nacheinander dem Jüngling helfen, weisen jeweils symbolisch auf die Allwissenheit, die Weisheit hin. Trotzdem wird der Jüngling vom elften und dann vom zwölften Fenster aus von der Königstochter entdeckt. Erst mit der Hilfe des Fuchses kann sich der Jüngling vor der Königstochter endgültig verstecken. Also könnte man die Weisheit des Fuchses eine intelligente Weisheit nennen, die zu der Vorsehung des Kosmos führt.

Es gibt zwar fast keinen großen Unterschied zwischen dem Einfall des Raben, den Jüngling in seinem eigenen Ei zu verstecken, und dem des Fisches, ihn zu verschlucken und „hinab auf den Grund des Sees" zu tauchen. Aber zwischen den beiden und dem Einfall des Fuchses, den Jüngling in ein Meerhäschen zu verwandeln, besteht doch ein entscheidender Unterschied. In den ersten beiden Fällen ändert sich das Äußere des Jünglings gar nicht, wenn er sich im Ei des Raben oder im Bauch des Fisches versteckt. Im Vergleich damit ändert sich das Äußere des Jünglings völlig, der sich in ein kleines Meerhäschen verwandelt. Für die Königstochter, die eine zwölfstufige bewußte Kraft zum Erkennen hat, ist alle sichtbare Existenz, wohin sie sich auch verstecken wollte, ausnahmlos zu entdecken. Aber den Jüngling, der sich in ein kleines Meerhäschen verwandelte und dessen Form ganz anders ist als früher, kann die Königstochter auch in der Außenwelt gar nicht entdecken, gleich als ob er eine unsichtbare Existenz wäre.

3.>Erkenne dich selbst !<

Das Bewußtsein der Königstochter richtet sich immer nur von ihr auf die Außenwelt. Dies kann man gut daraus schließen, dass sie von Hochmut, egozentrischen Gedanken bestimmt ist und

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„einen Saal mit zwölf Fenstern" hat. Ihr Bewußtsein wendet sich fast gar nicht auf sie selbst, geschweige denn auf ihre eigene Innenwelt.

Die intelligente Weisheit des Fuchses liegt darin, dass die Königstochter das Wesen des kleinen Meerhäschens nicht erkennen konnte, als sie es anschaute und kaufte. Der Fuchs geht zu einer Quelle und taucht hinein, um sich in einen Tierhändler zu verwandeln. Die >Quelle< bedeutet symbolisch > Taufe, Reinigung, Wiedergeburt und das >Wasser< >Seele bzw. das Unbewußter Daher ist hier interpretierbar, dass der Fuchs und der Jüngling beide in die Welt des Unbewußten hinabgehen, die Bilder der unbewußten Welt annehmen und als neue Existenzen wiedergeboren werden. Deshalb konnte die Königstochter, die keinen Blick auf ihre eigene Innenwelt richtet, das Wesen in den unbewußten Bildern überhaupt nicht erkennen.

Die Königstochter läßt die Köpfe der 99 Freier, denen die Probe mißlang, abschlagen und auf Pfähle stecken. Außerdem freut sie sich darauf, lebenslang ledig und frei zu bleiben. Trotzdem fehlt hier die Zahl 100, die symbolisch >Vollkommenheit< bedeutet. Also kann man daraus schließen, dass sie eigentlich einen latenten Wunsch hatte, einen solchen Mann zu heiraten, der so begabt wie ihr Vater oder an Verstandeskraft ihrem Vater überlegen wäre. Weil aber die Gefahr des Inzests in ihrer Liebe für den eigenen Vater als ideales männliches Bild verborgen liegt, bildete diese Liebe notwendigerweise in ihrem Unterbewußtsein ein bestimmtes Trauma. Wenn eine Frau aufgrund eines Vaterkomplexes ihre heimliche Liebe für Männer nicht frei ausdrücken kann, verfällt sie nicht selten in eine völlig entgegengesetzte Haltung an, wie z.B. dass sie Männer haßt, mißhandelt und sogar tötet. Solche ungewöhnliche Haltungen aufgrund eines Traumas kann man gut verstehen, wenn man sich nur einige Beispiele vorstellt, wie z.B. die Heldin im Drama H. v. Kleists „Penthesilea", die trotz ihrer unbewußten Liebe für den Helden Achill bissige Hunde auf den Unbewaffneten hetzt und ihn

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schließlich tötet, und Salome im Drama 0. Wilde's „Salome", die das abgeschlagene Haupt von Johannes küßt. Gerade weil die Königstochter in ihrem tiefen Inneren wünschte, dass der Jüngling irgendwie die Probe bestehen könnte, indem er eine ähnliche Verstandeskraft zeigen würde, wie ihr Vater, genehmigte sie ihm „einen Tag Bedenkzeit" und drei Chancen.

Nun kann die Königstochter das unterdrückte unreife Bild des Animus in ihrem Unterbewußtsein erst akzeptieren, als sie den Jüngling als Bräutigam annimmt. Demzufolge gelingt es ihr, aus den Zuständen der inneren Erstickung herauszukommen und ganz frei denken zu können. Zum Beweis dafür folgt sie nach der Heirat dem Jüngling so treu, wie sich früher ihre Mutter zu ihrem Mann verhalten mußte. Die Königstochter macht jetzt zwar nur einen Schritt auf dem langen Weg zur Großen Mutter, aber möglicherweise einen ziemlich sicheren.

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